10. Wie öffentlich ist das Internet?

Der Grundsatz – Die berufsethischen Regeln gelten auch für Recherchen im Internet. Journalisten sollten Informationen von Websites, Blogs und sozialen Netzwerken kritisch überprüfen, bevor sie diese weiterverbreiten. Informationen, die im Internet für jeden sichtbar sind, gehören zur öffentlichen Sphäre. Dennoch können Informationen, die Private ins Internet stellen, einen Teil ihres privaten Charakters behalten. Nicht jede Privataussage, auf die Medien oder Medienkonsumenten – im Internet – stossen, dürfen Massenmedien vorbehaltlos verbreiten. Im Einzelfall ist auch hier zwischen öffentlichem Interesse und Schutz der Privatsphären sorgfältig abzuwägen.


Die Regeln
Richtlinie 1.1 – Wahrheitssuche.
Die Wahrheitssuche ist Ausgangspunkt der Informationstätigkeit. Sie setzt die Beachtung verfügbarer und zugänglicher Daten, die Achtung der Integrität von Dokumenten, die Überprüfung und allfällige Berichtigung voraus.


Kodex Pflicht 3 – Quellenüberprüfung.
Journalisten veröffentlichen nur Informationen, deren Quellen ihnen bekannt sind. Sie unterschlagen keine wichtigen Elemente von Informationen und entstellen weder Tatsachen noch von anderen geäusserte Meinungen.


Kodex Pflicht 7 – Privatsphäre.
Journalisten respektieren die Privatsphäre, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil verlangt.


Richtlinie 7.1 – Schutz der Privatsphäre.
Jede Person hat Anspruch auf Schutz ihres Privatlebens. Im Privatbereich dürfen Journalisten niemanden ohne Einwilligung fotografieren oder filmen; dies gilt besonders, wenn [die Betroffenen] gebeten haben, in Ruhe gelassen zu werden.


Beispiele
Leitentscheid: Internet und Privatsphäre (43/2010). Im Internet machen zwar stets mehr Personen private Informationen und Bilder öffentlich zugänglich. Doch daraus können Massenmedien nicht ableiten, dass diese Leute ganz auf den Schutz ihrer Privatsphäre verzichten. Medien dürfen daher private Informationen aus dem Internet nicht ohne Einschränkung weiterverbreiten. Öffentlichkeit bedeutet in Bezug aufs Internet nicht zwingend auch «Medienöffentlichkeit». Zu berücksichtigen ist, in welchem Kontext und mit welcher Absicht sich jemand im öffentlichen Raum exponiert. Mit Kontext ist gemeint: Natur der Website (Facebook, persönlicher Blog, Forum, institutionelle Website usw.), Identität des Autors (Unbekannter, öffentliche Person, Journalist usw.) und soweit ersichtlich die Intention der Publikation (grosses Publikum oder beschränkter Adressatenkreis).


Manuela will nur zurückhaltend für Kindersamenspende lobbyieren (27/2009). Ein Reporter schrieb «Manuela» auf der Info-Adresse zur Website kindersamenspende.ch an und bat sie um «ihre» Geschichte. «Manuela» wollte schliesslich nicht mitmachen – im Bild schon gar nicht –, um ihre Eltern zu schonen. Der nächste «Sonntags- Blick» brachte dann einen Text mit Passbild. Schon früher hatte der Presserat betont, nicht alles Private, auf das eine Redaktion stosse, dürften die Medien vorbehaltlos weiterverbreiten. Vor allem dann nicht, wenn es für die betroffene Person in heiklen Bereichen den Schritt in eine Massenöffentlichkeit bedeute. Ein Massentitel schaffe eine ganz andere Öffentlichkeit als «eine private Website, die sich in den Weiten des Internet verliert».


Weiterverbreiten von Informationen und Fotos aus Facebook (41/2010). «Blick» outete einen Fussballer, der im Zusammenhang mit einem Wettskandal in Untersuchungshaft war («Er war der Schweizer Filialleiter der Wettmafia»). Die Informationen stammten laut «Blick» aus dem Facebook-Profil des Betroffenen. Dieser protestierte, «Blick» habe sich unberechtigt Zugang zu seiner Facebook-Seite verschafft. Ob das Blatt tatsächlich dank verdeckten Facebook-Freundschaftsanfragen an die Informationen gelangte, ist für den Presserat nicht belegt. Das bloss rudimentär verfremdete Gesichtsporträt und zu viele Angaben über den Protagonisten machten ihn jedoch über sein engeres soziales Umfeld hinaus erkennbar und verletzten deshalb die Privatsphäre. Die Kommunikation in einem sozialen Netzwerk wie Facebook – selbst wenn sie zum Teil öffentlich einsehbar ist – diene in der Regel dem Austausch von Bildern und Informationen unter Privaten und nicht der Kommunikation mit der Öffentlichkeit.

 

«Sex-Sklavin Snouky» – «Sado-Maso im Sozialamt» (2/2010). Auf einer «Blick»-Titelseite posierte die gefesselte Sex-Sklavin Snouky. Auf Folgeseiten standen weitere Bilder, Gesicht gepixelt. «Blick» teilte mit, die Bilder seien ursprünglich auf verschlüsselten Seiten im Web gestanden, aber der Fotograf «Dr. Pain» habe sie zugänglich machen dürfen. Die gezeigte Frau arbeitete als einfache Angestellte im Sozialamt einer Gemeinde (Gemeindehaus abgebildet). Der Presserat fand, «Blick» hätte die Sexbilder auch dann nicht abdrucken dürfen, wenn sie im Internet zugänglich waren. Der Bericht greife in die Privatsphäre der bewusst anonym auftretenden Frau ein, zumal die Textangaben sie für ein weiteres Publikum erkennbar machten.

 

Checkliste

Habe ich Quelle und Wahrheitsgehalt der Information sorgfältig überprüft?
Wäre die betroffene Person wohl bereit, öffentlich aufzutreten?
Mit welcher Absicht, in welchem Kontext erfolgte die Publikation im Internet?
Überwiegt das öffentliche Interesse an der (Teil-)Identifizierung?
Ist das Verhältnismässigkeitsprinzip – möglichst schonende Darstellung – gewahrt?

 

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