18. Wann und wie sind Antworten zu autorisieren?

Der Grundsatz – Wer ein Interview gibt, macht einen ersten grossen Schritt an die Öffentlichkeit. Den kann er nicht völlig zurücknehmen. Anderseits hat jede Person ein Recht am eigenen Wort. Sie muss sich nicht gefallen lassen, wörtlich auf persönlich gefärbte Aussagen festgelegt zu werden.

Beim formellen Interview ist die Autorisierung die Regel, während sie beim Recherchegespräch der Befragte verlangen muss. Medienunerfahrene sind darauf hinzuweisen, dass sie auf der Autorisierung bestehen können.


Hinweise
In Interviews, Recherchegesprächen und Mischformen (Beispiel: porträtierendes Gespräch) sind nicht nur formelle Zitate in Anführungszeichen zu unterbreiten, sondern auch Zuschreibungen in indirekter Rede.
Der Interviewte darf keine grundsätzlichen Änderungen vornehmen, welche dem Gespräch einen anderen Drall geben; er darf weder Fragen streichen noch solche hinzufügen. Bei übertriebenen Änderungsbegehren – z. B. dem missbräuchlichen Rückzug nachweislich klarer Aussagen – darf die Redaktion auf den Abdruck verzichten oder aber den Vorgang transparent machen. Mit Rücksicht auf das Recht am eigenen Wort sind dann aber keine wörtlichen Zuschreibungen zu verwenden.

 

Die Regeln
Richtlinie 4.5 – Interview.
Im Normalfall sind formelle Interviews zur Autorisierung vorzulegen. Können sich Interview- oder Auskunftgeber und Journalist nicht einigen, haben Medienschaffende das Recht, auf eine Publikation zu verzichten und/oder den Vorgang indirekt transparent zu machen.


Richtlinie 4.6 – Recherchegespräche.
Der Gesprächspartner muss wissen, dass er eine Autorisierung seiner Antwort verlangen kann.


Beispiele
Interview trotz Abänderungsverbot nachträglich bearbeitet (32/2004). «Cash» führte mit Tito Tettamanti ein schriftliches Interview. Die Antworten kamen mit dem rot hervorgehobenen Vermerk zurück: Abänderung verboten. Bei der Publikation liess die Redaktion drei Fragen/Antworten weg und brachte einige meist sprachliche Änderungen an. Tettamanti beschwerte sich. Der Presserat gab zu bedenken, oft müsse ein Text zuletzt noch gekürzt werden; schliesslich sei gerade am Text eines Anderssprachigen wie Tettamanti Sprachliches zu korrigieren. Inhaltlich waren die Änderungen unbedeutend. Ein totales Änderungsverbot sei «lebensfremd». Aus Fairness wäre die Redaktion aber verpflichtet gewesen, dem Interviewten die Schlussfassung vor Druck zu unterbreiten.


Nicht eingehaltene Zusicherung (3/2007). Nach Erscheinen eines «subjektiv gefärbten» Porträts des abtretenden Berner Regierungsrats Mario Annoni in «Der Bund» beschwerte sich Annoni, weil er den Text trotz Zusicherung nicht rechtzeitig zum Gegenlesen erhalten hatte. «Der Bund» begründete dies mit der Abreise des Journalisten in die Ferien. So habe er Annonis Korrekturwünsche erst nach der Publikation gesehen. Der Presserat befand, wer die Autorisierung eines Recherchegesprächs oder einen letzten Kontakt zusichere, müsse dies auch einhalten.

 

Checkliste

Ist mein Gesprächspartner medienerfahren?
Falls nein: Habe ich ihn auf die Autorisierung hingewiesen?
Habe ich alle Zitate (direkte und indirekte) zur Autorisierung unterbreitet?
Sind die vom Interviewten verlangten Korrekturen verhältnismässig?
Verändern die redaktionellen Kürzungen den Sinn der Äusserungen?
Habe ich die Schlussfassung vor der Publikation vorgelegt?

 

Ähnliche Fragen


 Zurück | Übersicht | Weiter