46. Dürfen Medien über Suizide berichten?

Der Grundsatz – Die Berichterstattung über Suizidfälle fordert den Journalisten Zurückhaltung ab. Erstens gilt es, auf die Betroffenheit der Angehörigen Rücksicht zu nehmen. Zweitens belegen zahlreiche Studien die Nachahmungsgefahr, die von detaillierten  Berichten über leicht zugängliche Suizidorte und Suizidmethoden ausgeht.


Hinweise
Aktualität und öffentliches Interesse können Suizidberichterstattung rechtfertigen. Solche Berichte erfordern Fingerspitzengefühl beim Beurteilen des Einzelfalls; aber sie sind kein Tabu.

 

Die Regeln
Kodex Pflicht 7 – Privatsphäre.
Journalisten respektieren die Privatsphäre der einzelnen Person, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil verlangt.


Richtlinie 7.9 – Suizid.
Journalisten üben bei Suizidfällen grösste Zurückhaltung. Sie dürfen berichten
– sofern der Fall grosses öffentliches Aufsehen erregt.
– sofern sich bekannte Persönlichkeiten das Leben nehmen.
– sofern der Verstorbene oder Angehörige von sich aus an die Öffentlichkeit getreten sind.
– sofern ein Zusammenhang mit einem polizeilich gemeldeten Verbrechen besteht.
– sofern der Suizid Demonstrationscharakter hat und auf ein ungelöstes Problem hinweist.
– sofern der Bericht Gerüchte oder Anschuldigungen richtig stellt.
Der Bericht beschränkt sich auf das für das Verständnis Notwendige und verzichtet auf intime oder herabsetzende Einzelheiten. Im Hinblick auf Nachahmungstaten sieht er von detaillierten Angaben ab.


Beispiele
Suizid des nach den USA ausgewanderten Sohns eines bekannten Tessiner Unternehmers (51/2004). Das Wochenblatt «il caffè» berichtete ausführlich auf der Frontseite über dieses «Ereignis der Woche». Laut «il caffè» habe der Sohn offenbar an einer Depression mit Nachbehandlung gelitten. Das Blatt nannte Ort und Zeit des Begräbnisses und illustrierte die Seite mit Fotos des Verstorbenen, der Ehefrau und der Söhne in den USA. Viel Raum war der «Familiensaga» des Unternehmers im Tessin reserviert. Der Presserat befand, der Verstorbene habe im Tessin nie von sich reden gemacht, und die blosse Zugehörigkeit zu einer bekannten Familie mache aus dem Ausgewanderten noch keine Person des öffentlichen Interesses.

 

Reportage über die Lorzentobelbrücke – einen bekannten Suizidort im Kanton Zug (20/2006). Eine Reportage des «SonntagsBlick»-Magazins – «Und niemand hält sie auf / Nur der Mond schaut zu» – illustrierte die kritische These der Redaktion: Sicherheitsnetze müssen her! Mehrere regionale Zeitungen hatten die lange Untätigkeit der Zuger Behörden bereits kritisiert. In ihrer Beschwerde empörte sich die Zuger Regierung, die Zeitung habe Warnungen wegen der Nachahmungsgefahr nicht beherzigt. Der Presserat entschied, «SonntagsBlick» habe anschaulich, aber sorgfältig und angemessen berichtet. In der leitmotivischen Fallgeschichte glorifiziere er den Suizid keineswegs, und er verzichte auf Suiziddetails. Der hohe Bildanteil entspreche der Magazinform, aber die Bilder wirkten nicht sensationell.

 

Checkliste

Hat ein Suizid besonderes öffentliches Aufsehen erregt?
Und/oder hat er Demonstrationscharakter?
Ist die verstorbene Person von sich aus an die Öffentlichkeit getreten?
Besteht ein Zusammenhang mit einem (ungeklärten) Verbrechen?
Bei öffentlichen Personen: Besteht ein Zusammenhang zu ihrer Bekanntheit?
Habe ich auf Dramatisierung, intime Angaben und Details zur Suizidmethode verzichtet?

 

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