57. Welche Regeln gelten für Leserbriefe?

Der Grundsatz – Leserinnen- und Leserbriefe gehören zum redaktionellen Teil und damit in die Verantwortung der Redaktion. Deshalb gelten die berufsethischen Normen auch für das Veröffentlichen von Leserbriefen.


Hinweise
Redaktionen entscheiden nach eigenem Ermessen über die Veröffentlichung von Leserbriefen. (Auf der Redaktion einer grossen Tageszeitung treffen übers Jahr bis zu 12’000 Leserbriefe ein.)

Ebenso wenig wie bei redaktionellen Beiträgen sind Redaktionen bei der Auswahl von Leserzuschriften zu Ausgewogenheit verpflichtet. Medien mit lokaler Vormachtstellung sollten sich im Umgang mit Leserreaktionen möglichst grosszügig zeigen. Doch auch sie sind nicht verpflichtet, im Einzelfall einen bestimmten Leserbrief abzudrucken.
Für Leserbriefe gilt ein eingeschränkter Prüfungsmassstab. Redaktionen müssen lediglich bei offensichtlichen Normverstössen eingreifen. Um Streit zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren, empfiehlt der Presserat den Redaktionen, regelmässig «Spielregeln» für die Leserbriefseite zu veröffentlichen. Dies empfiehlt sich besonders vor Abstimmungen oder Wahlkämpfen.

 

Die Regeln
Richtlinie 5.2 – Leserinnen- und Leserbriefe.
Die berufsethischen Normen gelten auch für Leserinnen- und Leserbriefe. Der Meinungsfreiheit ist auf der Leserbriefseite ein grösstmöglicher Freiraum zuzugestehen. Die Leserbriefseite sollte einen regelmässigen Hinweis enthalten, dass sich die Redaktion das Recht auf Kürzung vorbehält.



Beispiele
Spielregeln für Leserbriefe bei Abstimmungs- und Wahlkämpfen (3/2000). Die Schweizer Demokraten Thurgau beschwerten sich über die Behandlung ihrer Leserzuschriften durch verschiedene Medien im Kanton. Während Zuschriften, welche die Partei angriffen, abgedruckt würden, unterdrückten die Medien die Stellungnahmen der Schweizer Demokraten. Der Presserat empfahl, Spielregeln bei Abstimmungs- und Wahlkämpfen sollten gewährleisten, dass alle politischen Akteure angemessen berücksichtigt würden. Der Nichtabdruck einer Zuschrift, die nach Ablauf einer frühzeitig bekannt gegebenen Frist einging, sei jedoch nicht zu beanstanden.

 

Zahl der Leserbriefe beschränkt/Boykott eines Leserbriefschreibers (43/2003 und 28/2002). Das «Zofinger Tagblatt» beschränkte die Anzahl der Veröffentlichungen eines besonders fleissigen Leserbriefschreibers auf jährlich zehn Zuschriften. Der Presserat hielt dies nicht für unverhältnismässig. Er empfahl jedoch, die Beschränkung der Leserschaft vor der Einführung zu kommunizieren. Zu weit ging allerdings die «Rheintalische Volkszeitung», die einem «ewigen Nörgler» mitteilte, seine Zuschriften künftig nicht mehr abzudrucken. Der Presserat fand, eine Anordnung, wonach einzelne Personen, Personengruppen oder Institutionen in einem Medium generell nicht mehr zur Sprache kommen und nicht mehr erwähnt werden, könne gegen die Grundsätze der freien Meinungsbildung und -vielfalt, der Fairness und gegen das Diskriminierungsverbot verstossen.

 

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