9. Wie gehe ich mit anonymen Quellen um?

Der Grundsatz – Immer häufiger verlangen Auskunftspersonen, anonym zu bleiben. Bevor sich der Journalist darauf einlässt, muss er den Befragten vom Vorteil der Namensnennung zu überzeugen suchen. Gelingt das nicht, wägt er ab, welcher Wert Vorrang verdient: Quellentransparenz oder Gewähren der Anonymität.


Hinweise
Es gibt Formen der Teilanonymisierung im Bericht:
– «Beschränkte Zuschreibung» (not for attribution): Mit dem Informanten, der nicht in voller Zuschreibung erscheinen will, vereinbare ich die beschränkte Zuschreibung genau, etwa «ein hoher Offizier»; «ein Kadermann des Unternehmens»; «eine langjährige Bewohnerin des Quartiers».
– «Keine Zuschreibung» (off the record): Der Journalist verpflichtet sich, keine oder nur eine nichtssagende Quellenbemerkung zu verwenden: «Wie die NZZ erfuhr»; «Wie dem Tages-Anzeiger zugetragen wurde». Ordnet ein Richter an, der Journalist müsse die Namen von Informanten bekanntgeben
– weil er eine der vielen Ausnahmen des Informantenschutzes für gegeben hält (Art. 28a Strafgesetzbuch) hat der Journalist zwei Möglichkeiten: Er gibt die Namen doch preis (zum Beispiel, damit die Polizei einen Terrorakt verhindern kann). Oder er weigert sich (weil er das öffentliche Interesse tief einstuft) und nimmt die Strafe in Kauf («ziviler Ungehorsam»). Von Aussagen der Quelle, die anonym bleiben will, zu unterscheiden sind anonyme Vorwürfe, bei denen Medienschaffende weder Quelle noch Motiv des Urhebers kennen. Zwei Verhaltensweisen sind möglich: Entweder landet der anonyme Hinweis im Papierkorb. Oder er wird Ausgangspunkt einer sorgfältigen Recherche.

 

Die Regeln
Richtlinie 3.1 – Quellenbearbeitung.
Die Quelle eines Berichts genau zu bezeichnen, liegt im Interesse des Publikums. Unerlässlich ist die Quellennennung, wenn sie zum Verständnis der Information wichtig ist; vorbehalten bleibt, dass das Interesse an der Geheimhaltung überwiegt.


Kodex Pflicht 6 – Quellenschutz.
Journalisten wahren das Redaktionsgeheimnis und geben die Quellen vertraulicher Informationen nicht preis.


Richtlinie 6.1 – Redaktionsgeheimnis.
Das Redaktionsgeheimnis des Journalisten geht weiter als das gesetzliche Zeugnisverweigerungsrecht. Das Redaktionsgeheimnis schützt die Quellen (Notizen, Adressen, Ton- und Bildaufnahmen usw.). Es schützt Informanten, sofern sie ihre Mitteilungen unter der Voraussetzung abgaben, dass sie bei einer Publikation nicht zu identifizieren sind.


Kodex Pflicht 7 – Privatsphäre.
Journalisten unterlassen anonyme und sachlich nicht gerechtfertigte Anschuldigungen.


Beispiele
Filippo Leutenegger als stiller SVP-Helfer? (6/2001). Eine Recherche des «Tages-Anzeiger» deutete an, Leutenegger als damaliger Chefredaktor des Schweizer Fernsehens halte es erkennbar mit der SVP. Der Autor zitierte fast nur anonyme Stimmen: «Ein erfahrener ‹Tagesschau›-Redaktor» usw. Leutenegger beschwerte sich, er könne sich gegen solch anonyme Vorwürfe nicht wehren. Der Presserat stellte eine Wertekollision fest: Hier die Pflicht genauer Quellenbezeichnung (Kodex Pflicht 3), dort Schutz anonymer Informanten (Kodex Pflicht 6). Von der Quellentransparenz dürfe abgewichen werden, wenn es sich 1. um ein wichtiges Thema handle, 2. zentrale Informationen nur anonym erhältlich seien (Verschwiegenheitspflicht im GAV der SRG), 3. die anonyme Auskunftsperson möglichst präzis umschrieben sei und 4. die Information sorgfältig gecheckt werden konnte [beispielsweise nach der «Watergate-Regel»: Publikation nur, wenn mindestens zwei anonyme Quellen desselben Inhalts vorliegen]. 5. Vor allem aber: Leutenegger konnte sich in einem zweiten Artikel auf derselben Seite (schriftliches Interview) ausführlich zum Vorwurf äussern.

 

Anonym zugesandte E-Mail (20/2002). 2002 berichtete «Le Nouvelliste» über Vorwürfe, der Präsident der SVP-Sektion Martigny gehöre einer der grössten Schweizer Neonazi-Gruppen an. Die Information stützte sich auf eine der Redaktion anonym zugesandte E-Mail. Der Betroffene dementierte den Vorwurf im Artikel vehement. Der Presserat befand, falls eine Redaktion überhaupt auf eine anonyme Mitteilung eingehe, sei deren Wahrheitsgehalt in einer Recherche zu überprüfen. Dazu genügte es nicht, bloss den Betroffenen mit dem Vorwurf zu konfrontieren.

 

«Boulevardprominente»: kein Freiwild für journalistischen «Voyeurismus» (58/2010). Die Flut negativer Medienberichte über den Zürcher «Partykönig» Carl Hirschmann erscheint zwar insgesamt als «unzumutbar». Doch liefert der Journalistenkodex keine Patentrezepte, um derartige Medienhypes zu verhindern. Zumal die Berichterstattung über den Fall als solchen aufgrund der offensiven Selbstdarstellung des Betroffenen und dem Sachzusammenhang zwischen hängigem Strafverfahren und der Bekanntheit Hirschmanns im Dunstkreis eines bekannten Nachtklubs zulässig ist. Problematisch mutet die Bereitschaft einiger Boulevardund sogar Qualitätstitel an, aufgrund unvollkommener Parallelrecherchen und ungeprüfter Statements von angeblichen Zeugen stets neues negativ gefärbtes Material auf den Markt zu werfen. Auf jeden Fall muss versucht werden, vom Betroffenen oder von dessen Vertretern entlastende Statements einzuholen. Ist dies nicht möglich, ist es zu vermerken. Die Wirkung von «Medienlawinen» auf den Verdächtigten ist zu berücksichtigen – ganz zu schweigen von der Verdrängung relevanter Themen aus dem öffentlichen Diskurs.

 

Checkliste

Kenne ich die Quelle und das Motiv des Informanten?
Habe ich auf Transparenz gepocht?
Falls der Informant auf Anonymität beharrt – habe ich die gewählte Variante präzis durchgespielt?
Ist der Verzicht, die Quelle zu nennen, bei einer Güterabwägung vertretbar?

 

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